In der Rommelkaserne Ulm / Dornstadt aktuell stationierte Einheiten bzw. Dienststellen: (1.) "Sanitätsregiment 3", (2.) "Kraftfahrausbildungszentrum Dornstadt", (3.) "Fahrsimulator Kette Dornstadt", (4.) "Logistikzentrum der Bundeswehr Logistische Steuerstelle 6", (5.) "Bundeswehrdienstleistungszentrum Ulm - Serviceteam Dornstadt". Außerdem sind folgende Einrichtungen auf dem Gelände: Unteroffizierheimgesellschaft, Offizierheimgesellschaft, LHD-Shop (d.h. Bekleidungsmanagement der Bundeswehr) und die "Heeresinstandsetzungslogistik GmbH" (HIL)

 

Unsere Konferenz: "Rommel und das Traditionsverständnis der Bundeswehr" - hier als pdf.
 

Fotos vom "Tag der Bundeswehr" 6.6.2017, Rommelkaserne

Hitlers Lieblings-General Rommel und unsere demokratische Erinnerungskultur

Vortrag von Prof. Dr. Wolfram Wette, Historisches Seminar der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i. Br., in Heidenheim am 23. Juli 2020, 17 Uhr, Konzerthaus, anlässlich der Einweihung des Gegen-Kunstwerks von Rainer Jooß zum Rommel-Denkmal, veranstaltet von der Stadt Heidenheim (Bearbeitungsstand: 21.7.2020, 26.7.2020)

Einleitung: An Rommel scheiden sich die Geister*

„An Rommel scheiden sich die Geister. Sein Bleiben oder sein Verschwinden als Kasernenpatron der Bundeswehr wird zeigen, wie ernst es ihr mit der Korrektur der Traditionspraxis ist. Rommel ist der Testfall.“ [siehe Anmerkung 1] Dieses Diktum stammt von dem Schriftsteller und Publizisten Ralph Giordano (1923-2014).

Geschrieben wurde es bereits vor 20 Jahren mit dem Blick auf das Militär – und nicht auf die Zivilgesellschaft, in der nicht unbedingt dieselbe Sichtweise vorherrschen muss. [Siehe Anm. 2] Bis heute, zwei Jahrzehnte später, geht die Traditionsdebatte weiter. [Anm. 3] Nach wie vor gibt es Rommel-Kasernen, Rommel-Straßen, Rommel-Denkmäler, auch das in Heidenheim aus dem Jahre 1961. [4] Giordano, selbst ein Überlebender des Holocaust, versuchte seinem Publikum stets eine Grundeinsicht zu vermitteln, die häufig übersehen oder verdrängt wird. Sie lautet: Nicht die Ermordung der europäischen Juden war das Hauptverbrechen Deutschlands, sondern vielmehr der „Krieg der Waffen“:

„Die militärische Aggression auf Europa, auf die Welt, auf die Menschheit – der Krieg: Er war das Hauptverbrechen des Nationalsozialismus.“ [5] Es kostete etwa 70 Millionen Menschenleben, auch das der europäischen Juden.

Schon Norbert Blüm kannte den Zusammenhang von Krieg und Judenmorden. Er formulierte den schlichten Satz: „Das KZ stand schließlich nur so lange, wie die Front hielt.“ [6]

Die Wehrmacht-Ikone Rommel sei – so Giordano – aus diesem Kontext nicht herauszulösen. [7] Daher tauge dieser Wehrmachtgeneral auch nicht als traditionsstiftend für die Bundeswehr. Er könne kein Leitbild für Soldaten von heute sein, habe er doch einem verbrecherischen Regime gedient.

Ich möchte im Folgenden den Blick auf drei Phasen der Rezeptionsgeschichte des Kriegshelden Rommel werfen. Die erste betrifft die Kriegszeit, die zweite die Nachkriegszeit, und die dritte Phase begann um 1990 herum, als die Legende von der „sauberen“ Wehrmacht zerstört wurde.

Erste Phase: Die Entstehung des „Mythos Rommel“ zur Zeit des Nordafrikakrieges 1941-1943

Der Rommel-Mythos entstand zur Zeit des Nordafrikakrieges 1941-1943. Was hatte die Wehrmacht in Nordafrika zu suchen? Sie führte dort einen imperialistischen, völkerrechtswidrigen Angriffskrieg. Die Entsendung deutscher Truppen, unter dem Namen „Afrika-Korps“ bekannt geworden, stand im Jahre 1941 eigentlich nicht auf dem strategischen Fahrplan Hitlers, weil die Wehrmachtführung zu dieser Zeit den Überfall auf die Sowjetunion plante. In Nordafrika eröffnete die deutsche Führung einen Nebenkriegsschauplatz8 zur Unterstützung des Achsenpartners Italien unter Mussolini, der einen Krieg um Kolonialbesitz in Afrika gegen die Briten führte. Deutsche strategische Planungen gingen über Ägypten hinaus Richtung Suez-Kanal, nach Palästina, zu den Ölquellen des Nahen Ostens, ja bis nach Afghanistan und Indien.

Unter der Führung des risikofreudigen Panzergenerals Rommel eilten die deutschen und italienischen Streitkräfte im Jahre 1942 zu überraschenden Siegen. Aber es waren nur temporäre Erfolge. Am Ende stand im Mai 1943 die Kapitulation der deutschen und der italienischen Streitkräfte.

Die Siege Rommels bildeten den Stoff, aus dem der Nazi-Propagandaminister Goebbels den Befehlshaber des Afrikakorps als großen deutschen Kriegshelden inszenierte: Als einen unerschrockenen und draufgängerischen Haudegen, als einen ungewöhnlich mutigen Soldaten, der seine Truppen „vorne“ führte, als einen listenreichen Strategen, in der Summe als „idealen Soldaten“. Zugleich präsentierte er ihn – durchaus wahrheitsgetreu – als einen begeisterten Anhänger Hitlers, der seinen „Führer“ bewunderte, ja liebte. So verkörperte Rommel für das deutsche Publikum wie kein anderer Wehrmacht- General den Gleichklang von Wehrmacht und NS-Regime. Rommel wurde zum Star des Nordafrikakrieges gemacht, und dies keineswegs gegen seinen Willen, sondern unter seiner tatkräftigen Mithilfe.

Auf diese Weise avancierte Rommel im Jahre 1942 in Deutschland zum wohl bekanntesten deutschen Soldaten seiner Zeit. Hinzu kam ein weiteres, auf den ersten Blick merkwürdiges Phänomen: Am Mythos Rommel arbeiteten damals auch die Propagandisten der britischen Kriegsgegner, indem sie ihrerseits die operativen Fähigkeiten des deutschen Feldmarschalls priesen.

Das geschah mit dem durchschaubaren Ziel, den britischen Gesamtsieg über die Deutschen und die Italiener in Nordafrika hernach als umso großartiger zu feiern. So kam es, dass Rommel infolge der britischen und amerikanischen Propaganda in der internationalen Öffentlichkeit zum zweitbekanntesten Deutschen – direkt nach Hitler – aufstieg. Das ermittelte eine zeitgenössische Gallup-Meinungsbefragung.9

Der Krieg in Nordafrika war ungemein verlustreich.10 Mein Freiburger Kollege Gerhard Schreiber bilanziert: Die Alliierten verloren rund 220.000 Menschen (Tote und Kriegsgefangene), und die Achsenmächte hatten 620.000 Verluste, was eine Gesamtzahl von 840.000 bedeutet.11 Nicht mitgerechnet sind dabei die getöteten Bewohner der nordafrikanischen Länder Tunesien, Libyen und Ägypten, von den Kriegsparteien offenbar als bedauerliche „Kollateralschäden“ betrachtet.12 Angesichts der riesigen Menschenverluste nimmt es nicht Wunder, dass schon die Zeitgenossen den Krieg in Nordafrika mit der ebenfalls sehr verlustreichen Stalingrader Schlacht verglichen.13 Sie sprachen von einem „zweiten Stalingrad“ beziehungsweise von „Tunisgrad“.14

Zweite Phase: Rommel und die Legende von der „sauberen Wehrmacht“

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gingen Generäle der Wehrmacht gezielt daran, die Legende von der angeblich „sauber“ gebliebenen Wehrmacht in die Welt zu setzen. Die Wehrmacht habe, behaupteten sie, einen rein militärischen, dazu völkerrechtskonformen Krieg geführt und sei an Kriegs- und NS-Verbrechen nicht beteiligt gewesen. Konstruiert wurde dieses Bild bereits im November 1945 von einer Gruppe hochrangiger Ex- Wehrmachtgeneräle. Zu ihnen gehörte auch der General Siegfried Westphal, der später als einer der Initiatoren des Rommel-Ehrenmals in Heidenheim von 1961 agieren sollte.15 Während des Afrika-Feldzuges war Westphal der engste Vertraute Rommels gewesen. Die von besagten Wehrmachtgenerälen verfasste Denkschrift beschönigte und verharmloste die Rolle der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Sie sollte für Jahrzehnte das Bild der Wehrmacht in der Öffentlichkeit prägen. Es ist – pointiert – gesagt worden, die Wehrmacht habe 1945 zwar den Krieg verloren, aber den sich anschließenden Kampf um das Bild der Wehrmacht in der Öffentlichkeit habe sie gewonnen.16

Der prominente Name Rommel wurde jetzt als „Gesicht“ des angeblich „sauberen“ Krieges der Wehrmacht präsentiert. Es ist interessant zu beobachten, wie die Behauptung, Rommel habe irgendetwas mit dem Widerstand des 20. Juli 1944 zu tun gehabt, nach und nach in die Legende von der „sauberen“ Wehrmacht eingebaut wurde. Besonders sein vormaliger Stabschef, der spätere Nato-General Hans Speidel, rückte ihn in die Nähe des Widerstandes.17 Diese Indienstnahme des angeblich widerständigen Rommel stieß besonders nach dem von Fritz Bauer geführten Remer-Prozess von 1952 auf wachsende Zustimmung.18 Generalstaatsanwalt Bauer argumentierte damals – unter anderem mit dem Blick auf ehemalige Wehrmachtsoldaten –, dass die Widerständler eben keine Verräter und Eidbrecher gewesen seien, sondern dass es legitim und moralisch geboten war, gegen den Diktator und den NS-Unrechtsstaat gewaltsam vorzugehen.

Die alliierten Siegermächte vermieden es, die erneute Instrumentalisierung Rommels für die Wehrmachtlegende zu unterbinden. Stattdessen trieben die Briten und die Amerikaner ihre Rommel-Verehrung in Biographien und populären Kinofilmen zu erneuter Blüte.19 Der Zweck blieb der gleiche wie zuvor: Der britisch-amerikanische Sieg über den legendären Panzergeneral Rommel, den „Wüstenfuchs“, sollte den Sieg der alliierten Streitkräfte in Nordafrika in einem umso helleren Lichte erstrahlen lassen.20

Diese zweite Phase der Heroisierung von Rommel fiel nicht zufällig in die Zeit der Wiederbewaffnung Westdeutschlands und der Integration der westdeutschen Streitkräfte in die Nato. Diese Entwicklung bildete auch den historisch-politischen Kontext für die Einweihung des Heidenheimer Rommel-Ehrenmals im Jahre 1961. Es zog eine direkte und vollständig unkritische Kontinuitätslinie zur NS-Zeit.

Dritte Phase: Der Abschied von der Wehrmacht-Legende und von Rommel In der dritten Phase vollzog sich – nicht auf einen Schlag, sondern in mehreren Etappen – die Destruktion der Wehrmacht-Legende durch die militärgeschichtliche Forschung. Ende der 1960er Jahre erschienen die ersten kritischen Forschungsarbeiten von Historikern des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes. Hier möchte ich zwei Kollegen namentlich nennen: Manfred Messerschmidt und Klaus-Jürgen Müller. Den Höhepunkt der öffentlichen Aufklärung bildeten die beiden Wehrmacht-Ausstellungen, die in den Jahren 1995 bis 2004 große Beachtung fanden.21 Man zählte mehr als eine Million Besucher. Allgemein kann man sagen: Je tiefer die historische Forschung in die Geschichte der Wehrmacht eindrang, desto deutlicher wurde, dass sie nicht nur völkerrechtswidrige Kriege geführt hatte, sondern auch an vielen Verbrechen beteiligt war, eingeschlossen den Mord an den europäischen Juden.

Rommel, ein wichtiger Akteur in den Kriegen Nazi-Deutschlands, war nun in diesen Kontext einzuordnen, obwohl er während seines Einsatzes in Nordafrika nichts mit der systematischen Ermordung von Juden zu tun hatte. Während dieses Feldzuges wurden allerdings andere Formen der Judenverfolgung praktiziert, etwa der Einsatz jüdischer Zwangsarbeiter zum Stellungsbau. Näheren kann man in den verdienstvollen Arbeiten von Wolfgang Proske nachlesen.22 Man muss weiterhin wissen, dass der Holocaust nach dem Willen der politischen Führung in Berlin auch auf die Staaten Nordafrikas und des Nahen Ostens ausgedehnt werden sollte. Das SS-Einsatzkommando Ägypten unter Walter Rauff 23 hatte bereits organisatorische Vorbereitungen zur Ermordung der etwa 700.000 Juden Nordafrikas getroffen. Sie kamen nur wegen des – für die Achsenmächte Deutschland und Italien negativen – Kriegsverlaufs nicht zur Ausführung.24 In seiner späteren Verwendung als Befehlshaber auf dem italienischen Kriegsschauplatz gab Rommel völkerrechtswidrige Befehle, die in ihrer Diktion an die verbrecherischen Befehle der Ostgeneräle erinnern.25 Sie atmen den Geist der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik.

Die dritte Phase war also von der historisch-kritischen Aufklärung geprägt. Jetzt verloren die Rommel-Verehrer weiter an gesellschaftlicher Akzeptanz. Der Einfluss der Afrika-Veteranen nahm ab. Im lokalen Bereich der Zivilgesellschaft wurden die kritischen Stimmen lauter, auch in Heidenheim. Seit den 1990er Jahren verabschiedete sich die zivile deutsche Gesellschaft von der Geschichtspolitik der Nachkriegszeit, die man mit dem unglücklichen Begriff „Vergangenheitsbewältigung“ belegt hatte. Stattdessen entwickelte sich jetzt Schritt für Schritt eine demokratische Erinnerungskultur, in der für die Heroisierung von Krieg und Militär kein Platz mehr war und ist. Manche Wissenschaftler bezeichnen die neue Orientierung als „postheroisch“. Für die gegenwärtig agierenden Generationen gibt die demokratische Erinnerungskultur den Orientierungsrahmen vor, der auch die Maßstäbe zur Bewertung Rommels bereitstellt.

Über Minenkrieg und Minenopfer

Die von dem Künstler Rainer Jooß geschaffene Skulptur des Minenopfers, die heute der Stadt übergeben wird, bietet den Anlass, etwas über den damaligen Minenkrieg und seine Spätfolgen auszuführen. Der nordafrikanische Wüstenkrieg war geprägt vom massenhaften Einsatz von Panzern und Minen als Kriegswaffen, und zwar durch beide Kriegsparteien.26 Panzer- und Personenminen dienten dazu, die Beweglichkeit der schnell vordringenden Panzerverbände einzuschränken und sich dadurch militärische Vorteile zu verschaffen. Genaue Zahlen der damals eingesetzten Minen sind nicht greifbar. Die Größenordnung lautet: Millionen, vielleicht 20 Millionen oder mehr.

Unter Rommels Befehl legten deutsche Pioniere des Afrikakorps beispielsweise in der Gegend der ägyptischen Kleinstadt El Alamein sogenannte „Teufelsgärten“ an. Es handelt sich um „Labyrinthe aus hufeisenförmigen Minenfeldern, deren Öffnungen in Richtung seines britischen Widersachers [Montgomery] wiesen“.27 In ihnen sollte sich der Feind heillos verheddern und ihn hindern, seinen Vorstoß fortzusetzen. Wie viele Menschenopfer der Minenkrieg kostete, ist nicht ermittelbar, weil Minenopfer in den Statistiken der Kriegsverluste nicht speziell ausgewiesen sind. Wer waren die Opfer des Minenkrieges? In erster Linie die Soldaten der beiden Kriegsparteien. Es ist erhellend, ihre Herkunft einmal im Einzelnen aufzuführen, damit wir den multinationalen Charakter dieses Wüstenkrieges besser verstehen können. Beteiligt waren Briten, Südafrikaner, Inder, Australier, Neuseeländer, Araber, Tscherkessen, Juden, Franzosen, Männer aus den afrikanischen Kolonien Frankreichs, Amerikaner, Italiener, libysche Soldaten unter italienischem Kommando und natürlich auch Deutsche. Darüber hinaus war die einheimische arabische Zivilbevölkerung vom Minenkrieg betroffen, also Tunesier, Libyer und Ägypter. Niemand hatte sie gefragt, ob sie bereit seien, den Aggressoren ihre Länder als Schlachtfelder zur Verfügung zu stellen. In Nordafrika spiegelte sich also in hohem Maße die internationale Dimension des von Deutschland entfesselten Weltkrieges wider.28

Die Kriegsparteien verlegten Minen in der Regel planvoll, um sie nach einer Schlacht wieder gezielt räumen und ihrem nächsten Einsatz zuführen zu können. Unter Zeitdruck, zum Beispiel in Erwartung eines feindlichen Angriffs, kümmerten sich die Pioniere jedoch nicht mehr um irgendwelche Minenverlegungspläne, sondern warfen die Minen einfach von ihren Lastkraftwagen aus in die Wüste ab, wo sie dann, vom Sand bedeckt, später nicht mehr auffindbar waren. Bis heute werden Minen gelegentlich vom Wind freigeweht oder vom Regen freigespült und glitzern in der Sonne. Sie wecken das Interesse nomadisierender Hirten – Männer, Frauen, Kinder –, die ihre Neugierde nicht selten mit ihrem Leben oder einer Verstümmelung bezahlen müssen. „Etwa 3300 Menschen haben laut ägyptischen Angaben durch die explosiven Hinterlassenschaften ihr Leben verloren, seit man in den Achtzigerjahren anfing, Statistiken zu führen, 7500 wurden verstümmelt.“29 Alleine in Ägypten! Dem Land fehlt es an Mitteln, die betroffenen Gebiete komplett zu entminen. Seit 1981 konnten die Ägypter 40 Prozent der fraglichen Flächen von Minen räumen. 60 Prozent sind nach wie vor nicht sicher. „Wenn wir mit der jetzigen Geschwindigkeit weiterarbeiten“, sagt eine ägyptische Ministerin, „wird es noch 100 Jahre dauern, alle Minen und Blindgänger zu räumen.“30 Die Landminen im Wüstensand aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges behindern auch die wirtschaftliche Entwicklung der Länder Ägypten und Libyen, wo Rohstoffe wie Öl, Erdgas und Erze unter dem verminten Wüstensand liegen. Für die einheimische Bevölkerung sind die Minen bis heute ein regelrechter Fluch.

Die Skulptur „Minenopfer“ kann den Anstoß für eine Fülle weiterer Fragen und Nachforschungen geben. Zum Beispiel: Warum ist es so schwierig, verlässliche Informationen über die Anzahl der Minentoten des Nordafrikakrieges zu erhalten?31 Gibt es Berichte über eingesetzte, aber nicht wieder geräumte Minen? Was wissen wir über die Opfer des Minenkrieges in den nordafrikanischen Ländern unter der einheimischen Bevölkerung, einerseits während des Zweiten Weltkrieges, andererseits in den Jahrzehnten danach? Und weiter: Welche Beachtung hat der Minenkrieg in den kriegsgeschichtlichen Darstellungen der beteiligten Länder gefunden? Wie schrieben die deutschen, italienischen und britischen Militärhistoriker über die arabischen Bewohner Nordafrikas? Wurden nach dem Kriege Verträge über die Entschädigung der einheimischen Opfer sowie über die Frage der Kosten für eine systematische Minenräumung geschlossen?32 Gab es irgendeine Art der Wiedergutmachung?

Die fortwährende Bedrohung vieler Menschen weltweit durch Minen bis in unsere Gegenwart hinein führte in den 1990er Jahren zu einer großen internationalen, zivilgesellschaftlichen Kampagne. Ihr Ziel lautete, die Produktion und den Einsatz von Antipersonenminen generell zu ächten und verbieten. Das Engagement führte zum Erfolg. Im Dezember 1997 wurde im kanadischen Ottawa der Antipersonenminen-Verbotsvertrag unterzeichnet, dem sich in der Folgezeit mehr als 160 Staaten anschlossen, etliche Supermächte jedoch nicht. Die „Internationale Kampagne zum Verbot von Landminen“ (ICBL) wurde noch im gleichen Jahr 1997 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Seit 1999 ist der Vertrag bindendes internationales Recht.33

Im Zuge seiner America-First-Politik holte Präsident Donald Trump, der Freund und Beschützer der amerikanischen Rüstungsindustrie und der National Rifle Association (NRA), im Januar 2020 zum Gegenschlag aus: Er hob das von seinem Vorgänger Barack Obama erlassene Verbot von Antipersonenminen auf und erlaubte es den amerikanischen Streitkräften wieder, diese Waffe weltweit einzusetzen.34 Das ist die aktuelle Lage. Sie mahnt uns einmal mehr, Rommels virtuellen Feldherrnhügel zu verlassen und uns mit den Opfern kriegerischer Gewalt zu beschäftigen, besonders mit den Minenopfern. Unsere Zivilgesellschaft und unsere demokratische Erinnerungskultur benötigen keine „Wüstenfüchse“ als Vorbilder, sondern Menschen mit einer humanen und friedfertigen Orientierung.

Der Schatten des Gegendenkmals

Im militärischen und militärnahen Milieu – Bundeswehr, Reservisten, Veteranenverbände – gibt es noch immer Traditionalisten, die dem Vorbild Wehrmacht nachtrauern.35 Sie haben ein Interesse daran, den Vorzeigesoldaten und „Säulenheiligen“ Rommel als traditionswürdigen Kriegshandwerker zu erhalten. Aber das Umdenken ist nicht aufzuhalten. Die meisten Namen von Wehrmachtgeneralen, die in den 1960er Jahren unter dem Schutz der Legende von der „sauberen“ Wehrmacht zu Namensgebern von Bundeswehrliegenschaften auserkoren wurden, sind inzwischen getilgt.36 Die verbliebenen zwei Rommel-Kasernen werden sich nicht halten lassen, seitdem deutlich geworden ist, dass Rommel nicht zum Widerstand des 20. Juli 1944 gehörte. Der neueste Traditionserlass der Bundeswehr von 2018 sagt zur Frage der Traditionswürdigkeit unmissverständlich: „Militärische Exzellenz allein genügt […] nicht.“37 Würdig kann nur eine herausragende Tat für Recht und Freiheit sein, zum Beispiel im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Das hat Rommel nicht zu bieten.

Er gehörte einer anderen Welt an. Der Münchener Historiker Ludolf Herbst charakterisierte diese im Jahre 1996 folgendermaßen: „Der Nationalsozialismus kam aus dem Krieg, fand im Krieg seine eigentliche Bestimmung und ging im Krieg schließlich unter.“38 Der geschichtspolitische Ort, an dem wir heute stehen, lässt sich auch an einer bedeutsamen Entschließung des Deutschen Bundestages vom 15. Mai 1997 ablesen. Unsere Volksvertreter bekannten: „Der Zweite Weltkrieg war ein Angriffs- und Vernichtungskrieg, ein vom nationalsozialistischen Deutschland verschuldetes Verbrechen.“39 Wenn wir leichthin von Hitlers Lieblingsgeneral sprechen, muss uns immer vor Augen stehen: Hitler war nicht irgendein Staatsmann und Oberbefehlshaber, sondern der Hauptakteur dieses Geschehens. Er war der „Jahrtausendverbrecher“. So nannte ihn Heribert Prantl vor kurzem in der Süddeutschen Zeitung40, um den neuen Relativierern, den „Vogelschiss“-Verharmlosern, entgegenzutreten – übrigens ganz im Sinne des eingangs zitierten Schriftstellers Ralph Giordano, der Krieg der Waffen als das Hauptverbrechen des Nationalsozialismus bezeichnete.

Die Welt des Berufssoldaten Rommel war – um eine Formulierung seines Biographen Ralf Georg Reuth aufzugreifen – die der „Schlachtfelder und Kasernenhöfe, die er nie verlassen hatte“.41 In den 1920er Jahren beteiligte er sich am Aufbau der illegalen, republikfeindlichen „Schwarzen Reichswehr“. Im Widerstand hat sich Rommel nicht engagiert. Er war Mitwisser – von was genau, ist nicht zu ermitteln –, und er hat zumindest niemanden denunziert.42 Es ehrt ihn, dass er kein Denunziant war. Aber zum Widerstand gehörte er nicht.

Damit wir uns richtig verstehen: Rommel wird den Status einer markanten Persönlichkeit der Zeitgeschichte auch zukünftig behalten. Aber die Bewertung seines Handelns hat sich im Laufe der Jahrzehnte grundlegend geändert und wird sich noch weiter ändern. Was wir heute hier verhandeln, ist auch nur eine Etappe in einem noch längst nicht abgeschlossenen Prozess der Auseinandersetzung.

Mit den Werten unseres Grundgesetzes, insbesondere mit dem zentralen Friedensgebot, hat die Welt der „Kasernenhöfe und Schlachtfelder“ nichts gemein. Das bedeutet: Rommel ist Geschichte, Kriegsgeschichte, NSGeschichte, ebenso wie Ludendorff, Hindenburg, Manstein, Jodl, Keitel und andere. Sie haben uns heute nichts mehr zu sagen, jedenfalls nichts, das für unsere Zukunftsorientierung tauglich wäre. Sie sind Geschichte, Museum. Rommel, der Exponent des deutschen Militarismus, liegt außerhalb unserer Zeit, ja gegenläufig zu ihr. Wir schulden ihm nichts, nicht innerhalb des militärischen Milieus und schon gar nicht außerhalb. Die Erinnerungskultur unserer Zivilgesellschaft ist anderen Werten verpflichtet: der Demokratie, dem Rechtsstaat, den Menschenrechten, der Freiheit und dem Frieden.

Hier, In Rommels Geburtsstadt, wird fortan der Schatten der zerbrechlich wirkenden Skulptur eines Minenopfers auf das monumentale und martialische Feldherrn-Denkmal fallen. Aus meiner Sicht stellt die Skulptur keine Ergänzung des heroischen Denkmals von 1961 dar, sondern ein Gegendenkmal. Der Krüppel lenkt den Blick auf die Opfer, und diese werfen einen Schatten auf den prominenten Krieger und dessen Kriegsgeist. Um es zum Schluss noch einmal allgemeiner zu formulieren: Auf der einen Seite steht das Symbol für die Kriegslogik der Vergangenheit, auf der anderen das Symbol für die Hunderttausende von Opfern des Nordafrikakrieges, die uns zum Frieden mahnen. Das ist, denke ich, eine gute Basis für die Weiterentwicklung der Erinnerungskultur in Heidenheim. Ich gratuliere der Stadt zu diesem zukunftsweisenden Schritt.

ANMERKUNGEN

* Für Kritik und Anregungen danke ich meinen Kollegen und Freunden Detlef Bald, Helmut Donat, Jakob Knab und Klaus A. Maier.

1 Ralph Giordano: Die Traditionslüge. Vom Kriegerkult in der Bundeswehr. Köln 2000, S. 337 f.

2 Die unterschiedlichen Rommel-Bilder wurden zuletzt analysiert von Daniel Sternal: Ein Mythos wankt. Neue Kontroverse um den „Wüstenfuchs“ Erwin Rommel. Gerstetten 2017.

3 Siehe dazu das Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestages zur Traditionswürdigkeit Erwin Rommels für die Bundeswehr (2019). Im Internet greifbar unter: www.bundestag.de/resource/blob/645808/244e391b6318b5a.

4 Das Rommel-Ehrenmal wurde im Jahre 1961 vom „Verband Deutsches Afrika-Korps“, einer Organisation ehemaliger Wehrmachtsoldaten, errichtet. Als Schirmherr fungierte seinerzeit der baden-württembergische Innenminister Hans Karl Filbinger (CDU). 5 Ralph Giordano: Die zweite Schuld oder von der Last Deutscher zu sein. Hamburg, Zürich 1987, Kap. „Wehrmacht und Krieg – die heiligen Kühe. Über das Hauptverbrechen Hitlerdeutschlands“, bes. S. 170 f.

6 So wird Norbert Blüm zitiert in: Der Spiegel Nr. 28 vom 10. 7.1978. Siehe: https://www.stiftung-20-juli- 1944.de/reden/widerstandskampfer-und-kriegsopfer-karl-weishaupl-20071978

7 Giordano, Traditionslüge (wie Anm. 1), S. 338.

8 Peter Lieb: Krieg in Nordafrika 1940-1943. Leipzig 2018, weist darauf hin, dass es sich aus der Sicht der Alliierten zu diesem Zeitpunkt um den Hauptkriegsschauplatz gehandelt habe.

9 Ralf Georg Reuth: Erwin Rommel. Des Führers General. München, Zürich 1987, S. 90.

10 Gerhard Schreiber: Der Zweite Weltkrieg. München 2002, S. 75 f.

11 Gerhard Schreiber: Das Ende des nordafrikanischen Feldzugs und der Krieg in Italien 1943-1945. In: Die Ostfront 1943/44. Der Krieg im Osten und an den Nebenfronten. (= Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 8. Hrsg. vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt). München 2007, S. 1100-1163, Zitat: S. 1109.

12 Zu den Opfern aus Ländern der Dritten Welt siehe den innovativen Band: „Unsere Opfer zählen nicht“. Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg. Hrsg. von Recherche International e.V. Bonn 2014, Nachdruck Bonn 2019 (Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe Bad 10408).

13 Bezug auf Rüdiger Overmans: Das andere Gesicht des Krieges. Leben und Sterben der 6. Armee. In: Stalingrad. Ereignis, Wirkung, Symbol. Hrsg. von Jürgen Förster. München/Zürich 1992, S. 439-446.

14 Siehe den Eintrag „Tunesienfeldzug“ in: https://de.wikipedia.org/wiki/Tunesienfeldzug.

15 Zur Vita von Westphal siehe Wolfgang Proske: Siegfried Westphal: „Erfüllt von der moralischen Verpflichtung, stets ‚Coleur‘ zu beweisen ...“. In: ders. (Hrsg.), Täter Helfer Trittbrettfahrer, Bd. 8: NS-Belastete aus dem Norden des heutigen Baden-Württemberg, Gerstetten 2018, S. 397 - 415; vgl. auch Hendrik Rupp: Vehikel für die „saubere Wehrmacht“. Rommel-Denkmal. Beim Heidenheimer Heimat- und Altertumsverein sprach Dr. Wolfgang Proske über Siegfried Westphal, den „großen Unbekannten“ hinter dem Denkmal. In: Heidenheimer Zeitung, 3.5.2019.

16 Das Bild stammt von dem US-amerikanischen Historiker Omer Bartov.

17 Hans Speidel: Invasion 1944. Ein Beitrag zu Rommels und des Reiches Schicksal. Tübingen 1948. Hier wurde Rommel gezielt zum Widerstandskämpfer stilisiert und damit heroisiert. Siehe auch Elmar Krautkrämer: Generalleutnant Dr. phil. Hans Speidel. In: Gerd Ueberschär (Hrsg.), Hitlers militärische Elite, Bd. 2: Vom Kriegsbeginn bis zum Weltkriegsende. Darmstadt 1998, S. 251.

18 Irmtrud Wojak: Fritz Bauer 1903-1968. Eine Biographie. München 2009.

19 Im Einzelnen beschrieben von Reuth, Erwin Rommel (wie Anm. 9).

20 So auch das Urteil des britischen Generals Sir David Fraser: Generalfeldmarschall Erwin Rommel. In: Gerd R. Ueberschär: Hitlers militärische Elite. Bd. 2: Vom Kriegsbeginn bis zum Weltkriegsende. Darmstadt 1998, S. 184-193, hier: S. 192

21 Hannes Heer/Klaus Naumann (Hrsg.): Hannes Heer/Klaus Naumann (Hrsg.), Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944. Hamburg 1995.

22 Siehe Wolfgang Proske: Zwei Rollen für Erwin Rommel beim Aufmarsch der Wehrmacht in Libyen und Ägypten, 1941-1943. In: ders. (Hrsg.), Täter Helfer Trittbrettfahrer. Bd. 3: NS-Belastete aus dem östlichenWürttemberg, Gerstetten 32016.

23 Siehe Martin Cüppers: Walter Rauff – in deutschen Diensten. Vom Nazi-Verbrecher zum BND-Spion. Darmstadt 2013.

24 Siehe im Einzelnen Proske, Zwei Rollen, S. 153-176, bes. 175; sowie Klaus-Michael Mallmann/Martin Cüppers: Halbmond und Hakenkreuz: Das Dritte Reich und Palästina. Darmstadt 2. Aufl. 2007.

25 Siehe besonders den berüchtigten „Gesindelbefehl“ vom 23.9.1943, den Rommel als Oberbefehlshaber Italien-Nord (Heeresgruppe B) herausgab: „Irgendwelche sentimentalen Hemmungen des deutschen Soldaten gegenüber Badoglio-hörigen Banden in der Uniform des ehemaligen Waffenkameraden sind völlig unangebracht. Wer von diesen gegen den deutschen Soldaten kämpft, hat jedes Anrecht auf Schonung verloren und ist mit der Härte zu behandeln, die dem Gesindel gebührt, das plötzlich seine Waffen gegen seinen Freund wendet.“ Zit. nach Proske, Zwei Rollen, S. 175. Zum Zusammenhang Gerhard Schreiber: Deutsche Kriegsverbrechen in Italien. Täter, Opfer, Strafverfolgung, München 1996, S. 49-55, und Friedrich Andrae: Auch gegen Frauen und Kinder. Der Krieg der deutschen Wehrmacht gegen die Zivilbevölkerung in Italien 1943-1945, München/Zürich 1995, S. 49.

26 Zur Definition von Landminen und Streumunition sowie zu weiterführenden Informationen siehe den Eintrag: https://sicherheitspolitik.bpb.de/m5/articles/landmines-and-cluster-munitions.

27 Paul Anton Krüger: Rommels explosives Erbe. Vor 75 Jahren begann die Schlacht von El-Alamein – und für viele Bewohner im Nordwesten Ägyptens ist der Zweite Weltkrieg noch immer nicht vorbei: Mehr als 17,5 Millionen Minen liegen hier weiter im Boden vergraben. In: Süddeutsche Zeitung, 20.10.2017. Siehe: https://www.sueddeutsche.de/politik/aegypten-rommels-explosives-erbe-1.3717426. Siehe auch den Beitrag von Elisabeth Lehmann: Ägypten. Das Land der vergessenen Minen: In: Deutschlandfunk 13.6.2015: www.deutschlandfunk.de/aegypten-das-land-der-vergesse..

28 Siehe den Band „Unsere Opfer zählen nicht“ (wie Anm. 12).

29 Krüger, Rommels explosives Erbe (wie Anm. 27).

30 Ebda., gemeint ist die Entwicklungsministerin Sahar Nasr.

31 Zu Ägypten gibt es Forschungen und eine reichhaltige internationale Literatur. Siehe: Landmines from External Powers in World War II at El-Alamein in Egypt: link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-642-55854-2_3, nicht dagegen zu Libyen.

32 Zum Komplex Minenräumung siehe den gut informierten Eintrag: de.wikipedia.org/wiki/Minenr%C3%A4umung.

33 Übereinkommen über das Verbot des Einsatzes, der Lagerung, der Herstellung und der Weitergabe von Antipersonenminen und über deren Vernichtung (1997). In:  https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cbereinkommen_%C3%BCber_das_Verbot_des_Einsatzes,_der_Lagerung,_der_Herstellung_und_der_Weitergabe_von_Antipersonenminen_und_%C3%BCber_deren_Vernichtung. Siehe auch den Eintrag „Landmine“ : de.wikipedia.org/wiki/Landmine

34 Die USA traten dem Ottawa-Ankommen nicht bei. Gleichwohl wies Präsident Obama das amerikanische Militär an, keine Personenminen einzusetzen. Zu Trumps gegenläufiger Politik siehe: DIE ZEIT, 1.2.2020: www.fr.de/politik/donald-trump-hebt-landminen-verbot-..

35 Zu diesen Traditionalisten siehe Detlef Bald/Johannes Klotz/Wolfram Wette: Mythos Wehrmacht. Nachkriegsdebatten und Traditionspflege. Berlin 2001.

36 Siehe dazu das Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestages (wie Anm. 3), Abschnitt 2: Die bisherige Umbenennungspraxis bei Namensgebern mit Wehrmachtbezug.

37 So die Bundesministerin der Verteidigung, Ursula von der Leyen, in einem Tagesbefehl vom 28.3.2018 zum neuen Traditionserlass. Zitiert nach: Deutscher Bundestag, Wissenschaftliche Dienste (wie Anm. 3).

38 Ludolf Herbst: Das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945. Entfesselung der Gewalt. Rassismus und Krieg, Frankfurt am Main 1996, S. 9.

39 Entschließung des Deutschen Bundestages, 13. Wahlperiode, 175. Sitzung am 15.5.1997, S. 15818-15835.

40 Heribert Prantl: Von Eis bedeckt. Vor 75 Jahren wurden Dietrich Bonhoeffer und seine Mitstreiter von den Nazis ermordet. Der Mut des Gedenkens: Erinnerung statt Klopapierwitze. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 80,4./5.4.2020, S. 5.

41 Reuth, Erwin Rommel (wie Anm. 9), S. 17.

42 Vgl. die neueste Studie zum Thema von Linda von Keyserlingk-Rehbein: Nur eine „ganz kleine Clique“? Die NS-Ermittlungen über das Netzwerk vom 20. Juli 1944. Berlin 2018. Ergebnis: Die Verschwörer seien sich sicher gewesen, dass Rommel sie nicht unterstützen würde.

​Hitler treu ergeben                       Quelle: german-foreign-policy, 17.05.2017

BERLIN (Eigener Bericht) - Der diesjährige nationale "Tag der Bundeswehr" wird unter anderem in zwei nach einem NS-Kriegsverbrecher benannten Kasernen stattfinden. Die beiden militärischen Liegenschaften tragen den Namen des Wehrmachtsgenerals Erwin Rommel, der sowohl für die Rekrutierung jüdischer Zwangsarbeiter als auch für Mordbefehle gegen Kriegsgefangene verantwortlich zeichnete. Obwohl Rommel nach eigenem Bekunden Adolf Hitler als "von Gott berufenen Führer" ansah, gilt er den deutschen Streitkräften bis heute als "beispielgebend" und Protagonist des "militärischen Widerstands" gegen das NS-Regime. Gefeiert wird der Nazigeneral zudem für seine vermeintlichen strategischen Meisterleistungen während des deutschen Feldzugs in Nordafrika, die ihm den bis dato gebräuchlichen Beinamen "Wüstenfuchs" eintrugen. Führende deutsche Massenmedien sorgen seit geraumer Zeit dafür, dass dieses schon von der NS-Propaganda gepflegte Image erhalten bleibt.

Beispielhafter Namensgeber

Der für den 10. Juni anberaumte nationale "Tag der Bundeswehr" wird unter anderem in zwei nach einem NS-Kriegsverbrecher benannten Kasernen stattfinden. Die Liegenschaften in Augustdorf (Nordrhein-Westfalen) und Dornstadt (Baden-Württemberg) tragen den Namen des Wehrmachtsgenerals Erwin Rommel (1891-1944), der sowohl für die Rekrutierung jüdischer Zwangsarbeiter als auch für Mordbefehle gegen Kriegsgefangene verantwortlich zeichnete. Dessen ungeachtet gilt er den deutschen Streitkräften bis heute als "beispielgebend" [1] und Protagonist des "militärischen Widerstands" [2] gegen das NS-Regime. Die am vergangenen Wochenende von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) angekündigten Kasernenumbenennungen dürften im Fall Rommel somit gar nicht erst zur Diskussion stehen.

Begleiter des "Führers"

Neuere biographische Forschungen haben indes ergeben, dass Rommel zeitlebens antidemokratischen und faschistischen Ideologien anhing. Im Ersten Weltkrieg für seine rücksichtslose Kampfführung mit dem Orden "Pour le Mérite" geehrt, unterstützte er im März 1920 einen Aufstand extrem rechter Offiziere und Beamter gegen die junge Weimarer Republik (Kapp-Putsch). 1934 traf Rommel sich erstmals mit Hitler und erlebte danach einen geradezu kometenhaften Aufstieg. Anlässlich des Reichsparteitags der NSDAP in Nürnberg 1936 ernannte ihn der "Führer" des "Dritten Reiches" zum Befehlshaber seines persönlichen "Begleitkommandos". Bei allen folgenden Aggressionshandlungen des NS-Regimes - vom "Anschluss" Österreichs über den Einmarsch ins "Sudetenland" 1938 bis zur Besetzung Tschechiens im März 1939 - fungierte Rommel als Leiter des ebenfalls für die Sicherheit Hitlers verantwortlichen "Führerbegleitbataillons". Während des deutschen Überfalls auf Polen am 1. September 1939 kommandierte der mittlerweile zum General avancierte Militär dann das "Führerhauptquartier". Über Hitler äußerte sich Rommel grundsätzlich nur in den höchsten Tönen: "Von ihm geht eine magnetische, vielleicht hypnotische Kraft aus, die ihren tiefsten Ursprung in dem Glauben hat, er sei von Gott oder der Vorsehung berufen, das deutsche Volk 'zur Sonne empor' zu führen."[3]

Massenerschießungen

Bereits kurz nach dem Einmarsch des deutschen Militärs in Polen begannen die sogenannten Einsatzgruppen der SS, systematisch die in ihrem Einflussgebiet lebenden Juden zu ermorden. Wie der Historiker Hannes Heer urteilt, dürften diese "Massenerschießungen" Rommel "ebenso bekannt gewesen sein wie die Protestschreiben der in Polen gebliebenen drei Militärbefehlshaber, in denen sie - wegen der abschreckenden und verrohenden Wirkung auf die Truppe - die Wehrmachtsführung dringend aufforderten, 'das Abschlachten von einigen 10.000 Juden und Polen' durch SS und Polizei zu verhindern."[4]

Skrupellos

Bei der deutschen Invasion Frankreichs 1940 kommandierte Rommel eine Panzerdivision der Wehrmacht - und wurde selbst zum Kriegsverbrecher. So befahl er unter anderem, Häuser einer Ortschaft anzuzünden, um einen "Rauchschleier" für den geplanten Übergang seiner Truppen über die Maas zu erhalten. Bei anderer Gelegenheit mussten seine Soldaten weiße Fahnen schwenken, um unbeschadet die feindlichen Linien durchqueren zu können; die arglistig getäuschten Gegner ließ er danach ohne jede Skrupel erschießen.

SS-Einsatzkommando Tunis

Von Februar 1941 bis März 1943 fungierte Rommel als Befehlshaber der deutschen Truppen in Nordafrika, wo er eng mit der SS kooperierte. Bei seinem Einsatz in Tunesien etwa war er mitverantwortlich für die Heranziehung jüdischer Zwangsarbeiter zum Ausbau der deutschen Frontstellungen. In Absprache mit Rommels Stab errichtete das "SS-Einsatzkommando Tunis" ein Terrorregime: Der jüdischen Gemeinde wurden knapp 90 Millionen Francs abgepresst und ihre Angehörigen in Konzentrationslagern interniert, wo rund 2.500 Menschen den Tod fanden. Mehrfach waren deutsche Soldaten an Plünderungen in den Ghettos von Tunis, Sfax, Gabès und Sousse sowie auf der Insel Djerba beteiligt. Verantwortlich für die von Rommels Truppe unterstützten mörderischen antisemitischen Maßnahmen war der SS-Offizier Walter Rauff, der nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion die Verwendung von Gaswagen zur Ermordung der jüdischen Bevölkerung beaufsichtigt hatte.

Mordbefehle

Einen direkten Mordbefehl erließ Rommel in seiner Eigenschaft als Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B in Norditalien am 23. September 1943. Dieser erstreckte sich auf alle Angehörigen der italienischen Streitkräfte, die sich nach dem von Marschall Pietro Badoglio mit den Westalliierten geschlossenen Waffenstillstand nicht mehr dem faschistischen Mussolini-Regime verpflichtet sahen: "Wer von diesen gegen den deutschen Soldaten kämpft, hat jedes Anrecht auf Schonung verloren und ist mit der Härte zu behandeln, die dem Gesindel gebührt, das plötzlich seine Waffen gegen seinen Freund wendet."[5] Wenige Tage zuvor hatte die SS zwei Ortschaften in der norditalienischen Provinz Cuneo niedergebrannt und hunderte von Menschen unter dem Vorwand der "Partisanenbekämpfung" ermordet - mitten in Rommels Befehlsbereich.

Mustersoldat und Blitzkrieger

Analog zur Bundeswehr ehren deutsche "Leitmedien" den von der NS-Propaganda zum "Mustersoldaten" aufgebauten Rommel. Er verkörpere den "Typus des anständigen Soldaten", der zwar "listenreich" vorgehe, dabei "aber stets fair" bleibe, heißt es. Gelobt wird zudem die "Blitzkrieg-Manier", in der Rommel den deutschen Afrikafeldzug geführt habe: "Mit zunächst nur 25.000 über Tripolis eingeschifften Soldaten gelingt es ihm, die zahlenmäßig weit überlegenen Briten bis an die Grenze nach Ägypten zurückzudrängen."[6] Ausführungen über die Verbrechen, die der mit der höchsten Kriegsauszeichnung des NS-Regimes ("Goldenes Eichenlaub mit Schwertern und Brillanten zum Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes") dekorierte General zu verantworten hat, sucht man hier vergebens.

Konsequenzen

Vor diesem Hintergrund darf bezweifelt werden, dass der Umgang der Bundeswehr mit NS-Traditionen lediglich gewisse "Unsicherheiten" in Bezug auf die Wehrmacht aufweist, wie Verteidigungsministerin von der Leyen kürzlich formulierte.[7] Vielmehr hat die positive militärpolitische und publizistische Rezeption der Rommel'schen NS-Kriegsführung logische Konsequenzen: Niemand darf sich wundern, wenn sich Soldaten, die in einer nach Rommel benannten Kaserne Dienst tun, mit dem Namensgeber in jeder Hinsicht identifizieren. In der Generalfeldmarschall-Rommel-Kaserne in Augustdorf ist zu Wochenbeginn ein Oberleutnant suspendiert worden, weil er geprahlt hatte, er kenne "eine Gruppe gewaltbereiter Offiziere, die Waffen und Munition sammeln, um im Fall eines Bürgerkriegs auf der richtigen Seite zu kämpfen".[8]

Anmerkungen

[1] Überblick und Hintergrund: Kasernen mit neuem Namen. www.bundeswehr.de 16.05.2017.
[2] Deutscher Bundestag. Drucksache 18/2168. 21.07.2014.
[3] Zitiert nach: Jakob Knab: Rommel, der schmutzige Krieg in Italien und die Traditionspflege der Bundeswehr. In: Friedensforum 2/1999.
[4] Heldengedenktag. Interview mit Hannes Heer. www.konkret-magazin.de 11.11.2013.
[5] Zitiert nach: Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945? Frankfurt/Main 2005. Siehe hierzu auch Zeitgemäß, ansprechend, emotional.
[6] Jan Fleischhauer/Jan Friedmann: Die Kraft des Bösen. In: Der Spiegel 44/2012.
[7] Die Bundesministerin der Verteidigung: Tagesbefehl. Berlin 10.05.2017.
[8] Fall Franco A.: Bundeswehr suspendiert Augustdorfer Soldaten. www.nw.de 12.05.2017.

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