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Albert Einstein (* 14. März 1879 in Ulm) gilt als einer der bedeutendsten Physiker der Wissenschaftsgeschichte. Nobelpreis 1921, überreicht 1922. Er nutzte seine Bekanntheit bei seinem Einsatz für Völkerverständigung und Frieden.
 

Zitat Albert Einstein:  “Wenn einer mit Vergnügen zu einer Musik in Reih und Glied marschieren kann, dann verachte ich ihn schon; er hat sein großes Gehirn nur aus Irrtum bekommen, da für ihn das Rückenmark schon völlig genügen würde. Diesen Schandfleck der Zivilisation sollte man so schnell wie möglich zum Ver­schwinden bringen, Heldentum auf Kom­mando, sinnlose Gewalt und die leidige Vaterländerei, wie glühend hasse ich sie, wie gemein und verächtlich erscheint mir der Krieg; ich möchte mich lieber in Stücke schlagen lassen, als mich an einem so elenden Tun beteiligen! Töten im Krieg ist nach meiner Auffassung um nichts besser, als gewöhnlicher Mord.” [Gerhard Prause "Genies in der Schule" Lit-Verlag Berlin / Münster 2007, Seite 15]

Zitat Albert Einstein: "Mein Pazifismus ist ein Instinkt, ein Gefühl, das sich mir aufdrängt, weil Menschenmord so etwas Widerwärtiges ist. Mein Verhalten entspringt nicht irgendwelchen theoretischen Überlegungen, sondern beruht auf meinem tiefen Abscheu gegen jede Grausamkeit und allen Hass. Ich kann natürlich diese Haltung auch vernünftig begründen, aber das wäre dann doch nur nachträglich." Quelle: Carl Seelig (Hrsg.) Helle Zeit - Dunkle Zeit, In memoriam Albert Einstein, Mit einleitenden Bemerkungen zur Neuausgabe von Karl von Meyenn, Seite XII, Verlag:  Friedr. Vieweg & Sohn Braunschweig / Wiesbaden | https://link.springer.com/content/pdf/bfm%3A978-3-322-84225-1%2F1.pdf 

 

»Nie wieder Krieg« – Einstein als Pazifist | Vortrag von Lothar Heusohn im Rahmen der Ulmer Friedenswochen am 11.09.2020 in der Stadtbibliothek Ulm


Das Jahr 2005 wurde in Deutschland als das »Einstein-Jahr« begangen. Anlass waren der 100. Geburtstag der Relativitätstheorie und der 50. Todestag von Einstein. Es war nämlich 1905, als Einstein fünf Aufsätze veröffentlichte, die letztlich unser Weltbild tiefgreifend verändert haben. Diese Arbeiten revolutionierten die klassische Vorstellung von Raum, Zeit, Materie und Energie. In einer Schrift zum »Einstein-Jahr« hieß es damals 2005: »Mit dem Einstein-Jahr würdigt Deutschland einen Menschen, der die Welt bis heute fasziniert und begeistert. Albert Einstein, ein genialer Wissenschaftler, von der Weltöffentlichkeit bewundert – Physiker, Querdenker, Pazifist, Weltbürger und Visionär.«


Nun denn, die Wirklichkeit sah dann doch ein bisschen anders aus. Denn im Mittelpunkt der Aktivitäten des sog. »Einstein-Jahres« stand die Erinnerung an den Physiker Einstein. So führte zum Beispiel der Historiker Jürgen Renn in dem von ihm herausgegeben Sammelband »Albert Einstein. Ingenieur des Universums« (Berlin 2005) in einer Bibliographie insgesamt 166 Titel auf. Unter ihnen befand sich nicht ein einziger, der Einsteins lebenslängliches politisches Engagement für den Pazifismus thematisiert hätte. Das heißt – und deshalb findet ja auch heute dieser Abend dazu im Rahmen der Ulmer Friedenswochen statt: Bei aller Erinnerung an Einstein und sein Lebenswerk wurde nur selten – um es freundlich zu sagen – dessen lebenslängliches politisches Engagement für den Frieden zum Thema. Dabei ist eine Beschäftigung genau mit diesem Thema ungemein lohnend. Denn mit der Person Albert Einstein lässt sich auch ein Blick in die Geschichte der Friedensbewegung werfen, zumindest in diejenige vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zu seinem Tod im Jahr 1955.

Wenn sich der Physik-Nobelpreisträger des Jahres 1921 öffentlich äußerte, fand er naheliegenderweise weit über die Landesgrenzen hinaus Aufmerksamkeit. In der deutschen wie in der internationalen Friedensbewegung wurde er als eine Art moralische Instanz und politische Leitfigur betrachtet. Er sprach für alle, die den Krieg hassten und sich für eine Welt des Friedens einsetzten.

Ich denke, wenn wir Albert Einstein weiterdenken wollen – das heißt seine Überzeugungen heute und morgen durchschaubar und nutzbar machen wollen –, dann ist es natürlich wichtig, ihn aus seiner Zeit heraus zu verstehen. Einstein lebte weder in einem bloßen Elfenbeinturm der Wissenschaften noch in friedfertigen Zeiten, nein, er lebte im »Zeitalter der Extreme«, wie der britische Historiker Eric Hobsbawm diese Zeit einmal genannt hat. Dieses Zeitalter sah zwei Weltkriege, diverse Diktaturen, den Holocaust und die ersten Atomwaffeneinsätze. Ich denke, die politischen Überzeugungen Einsteins können nur vor dem Hintergrund dieses »Zeitalters der Extreme « angemessen verstanden werden. Selbstverständlich war Einstein nie »mainstream «. Er war immer eine Ausnahme, sowohl wissenschaftlich als auch und insbesondere politisch. In zahllosen öffentlichen Appellen trat er schon ab 1914 für Frieden und Völkerverständigung, später für die Abschaffung des Obrigkeitsstaates und für die Weimarer Republik ein. Seine Bündnisgenossen waren Schriftsteller und Künstler wie Alfred Döblin, Heinrich Mann, Käthe Kollwitz, Erich Mühsam, Carl von Ossietzky oder der französische Literaturnobelpreisträger Romain Rolland.

Demgegenüber reagierte die Mehrzahl seiner naturwissenschaftlichen Kollegen auf Einsteinsteins Engagement für Pazifismus und Demokratie irritiert bis heftig ablehnend. Dabei verlieh Einsteins enorme Popularität ab 1919 seiner Stimme – wie er selbst spottete – »als Renommierbonze« ganz besonderes Gewicht. Als inhaltlichen Kern dieses außergewöhnlichen Engagements lässt sich neben einem gefühlsmäßigen Pazifismus seine mehrfach geäußerte Überzeugung von der »menschlichen Persönlichkeit als dem höchsten menschlichen Wert« und von der Würde, der prinzipiellen Gleichrangigkeit und dem Selbstbestimmungsrecht jedes Individuums festhalten. Sie sah er bereits lange vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 durch Militarismus, Nationalismus und jede Art von Diktatur bedroht: »Mein politisches Ideal ist das demokratische. Jeder soll als Person respektiert und keiner vergöttert sein.«

Ende August 1932 schrieb Albert Einstein in seinem Sommerhaus in Caputh bei Potsdam sein »Glaubensbekenntnis«. Kurze Zeit später – Ende September/Anfang Oktober 1932 – sprach er dieses »Glaubensbekenntnis« auf einer Schallplatte selbst ein. Herausgegeben wurde sie von der Deutschen Liga für Menschenrechte, der auch Einstein angehörte.

Das klingt nun sehr – im demokratischen, egalitären Sinne – überzeugend. Aber ganz so einfach ist es bei Einstein nicht. In einem Aufsatz in den »Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte«, der 2005 erschienen ist, setzte sich die Historikerin Britta Scheideler von der Universität in Osnabrück etwas intensiver mit dem Gesellschaftsbild Einsteins auseinander. Ihr zufolge geht er von einem – wie sie es nennt – »spätidealistischen Persönlichkeitsideal« aus, geprägt von »Güte, Schönheit und Wahrheit «. So formulierte es Einstein in »Wie ich die Welt sehe«.

Da gab es – einerseits – die »selbstlose, verantwortungsvolle Hingabe im Dienste der Gemeinschaft« und des Allgemeinwohls, aber – im Gegensatz dazu – auch »die Anderen«, Menschen also, die – im Unterschied zur Gruppe der »feiner Besaiteten« – eine Mehrheit der Gesellschaft bildeten und die – so Einstein – ihrem Willen, ihren Trieben und ihren Leidenschaften unterworfen waren. Deutlich wird dieses dichotome, zweigeteilte Gesellschaftsbild zum Beispiel in Einsteins Beitrag für das »Buch der Freunde« des französischen Schriftstellers Romain Rolland. Dort schrieb Einstein 1926: »Die rohen Massen tun ihr Werk aus dumpfen Leidenschaften heraus, denen sie und die sie verkörpernden Staaten völlig untertan sind. (…) Die Wenigen jedoch, die an dem rohen Fühlen der Massen nicht teilnehmen, sondern unbeeinflusst von Leidenschaften am Ideal der Menschenliebe hängen, bilden die Gemeinschaft der einsamen Menschen, (...) die in der Abschaffung des Krieges ein erstes Ziel der moralischen Gesundung der Menschheit erstreben.«

Aus dieser Dichotomie – dieser Zweigeteiltheit – zwischen den triebbestimmten Massen und einer selbstbestimmten Minderheit ergab sich für Einstein ein moralischer Führungsauftrag der wahren Wissenschaftler und Künstler. Wie seine zahlreichen Appelle für Frieden, Gerechtigkeit, Wahrheit und Menschenwürde zeigen, übernahm er selbst eine öffentliche Sprecherrolle, um sein Ideal der moralischen selbstbestimmten Persönlichkeit gesellschaftlich umzusetzen.

Mit seiner Universalisierung von Idealen und Werten, die im autonomen Bereich der Wissenschaft gelten sollten oder von dort abgeleitet waren, wurde Einstein den Vorstellungen gerecht, die der französische Soziologe Pierre Bourdieu viel später einmal für den sog. universellen Intellektuellen aufgestellt hat. Da hieß es bei Bourdieu: »Als Schriftsteller, Künstler, Wissenschaftler verfügen diese Intellektuellen über eine spezifische Autorität, die gegründet ist auf ihre Zugehörigkeit zu einem relativ autonomen, d. h. von politischen, ökonomischen Mächten unabhängigen, Feld der Kunst, der Wissenschaft und Literatur. Gestützt auf Werte wie moralische Kraft, Uneigennützigkeit, Vernunft und Wahrheit greifen sie in das politische Geschehen ein und üben eine Art moralisches Lehramt aus.« (P. Bourdieu, Die Intellektuellen und die Macht)

Das war zwar gut als Anspruch formuliert, aber die Wirklichkeit sah in der Regel doch ziemlich anders aus. Wie schon einmal gesagt: Einstein war ein ziemlich einsamer Rufer im Feld seiner intellektuellen Kollegen, die sich nur zu oft und nur zu schnell mit den je gegebenen Macht- und Herrschaftsverhältnissen arrangierten. Britta Scheideler schreibt dazu: »Es liegt daher nahe, einen wesentlichen Grund für Einsteins Entwicklung zum kritischen Intellektuellen in seiner Biographie zu sehen. Sie entsprach nicht der des idealtypischen wilhelminischen Bildungsbürgers, sondern brachte ihn in kritische Distanz zur Gesellschaft des Kaiserreichs und ihren Wertvorstellungen.

Als Sohn aus liberaler jüdischer Familie gehörte Einstein schon von Geburt aus einer diskriminierten Minderheit an. Deren Assimilationsversuche brachten mehr oder weniger massiv empfundene Wertkonflikte zwischen der jüdischen Religion, aufklärerischen, liberalen Traditionen und einem obrigkeitsstaatlichen Konformitätsdruck mit sich.

Der junge Einstein erlebte diesen Konflikt wohl ziemlich heftig, wie seine radikale Ablehnung jeglicher Autorität nach einer kurzen, aber intensiven religiösen Phase nahelegt. Darüber hinaus scheiterte eine gesellschaftliche Integration – soweit sie über wirtschaftlichen Erfolg möglich war – im Fall der Einsteins so umfassend, dass die Familie nach zahlreichen geschäftlichen Fehlschlägen ins Ausland auswanderte. Infolgedessen hatte der Physiker keine der Sozialisationsinstanzen vollständig durchlaufen, die im Kaiserreich die Verinnerlichung der geltenden Wertmuster betrieben: das Gymnasium, die Universität und das Militär. Bereits mit 16 Jahren war er in der liberalen Schweiz ansässig, wo seine Ablehnung von Autoritäten und sein Selbstbestimmungsdenken durch den Einfluss seines Lehrers Jost Winteler noch verstärkt wurden. (…)

Einsteins Herkunft, Sozialisation und die darin angelegten Wertekonflikte und Vergleichsmöglichkeiten erleichterten es ihm, in Krisensituationen die traditionellen politischen und gesellschaftlichen Leitbilder zu kritisieren und sich aktiv für andere Ideale einzusetzen. Dies unterschied ihn auch von den meisten seiner naturwissenschaftlichen Kollegen, die im Bereich der Wissenschaft seine Ideale teilten, in der gesellschaftlichen und politischen Sphäre aber auf andere – zumeist konservativnationale – Wertvorstellungen zurückgreifen konnten. Es ist anzunehmen, dass ihn seine Erfolge als ‚Rebell’ in der Physik in seiner Rolle als Außenseiter und Kritiker des Bestehenden noch bestärkt haben.« (S. 392 f.)

Ich glaube, es ist wichtig festzuhalten, dass Einstein bei allem politischen Engagement immer von dem geprägt war, was Scheideler das »spätidealistische Persönlichkeitsideal « nennt. Ein Beispiel dafür, wie Einstein im auf Erfahrungen reagierte, die seinen Leitbildern widersprachen, ist sein 1915 verfasster Artikel »Meine Meinung über den Krieg«. Fixiert auf das moralische Individuum machte er darin den Destruktionstrieb des Menschen und den durch die Schule anerzogenen Untertanengeist und Patriotismus für den Krieg verantwortlich: »Die psychologische Wurzel des Krieges liegt nach meiner Ansicht in einer biologisch begründeten aggressiven Eigenart des männlichen Geschöpfes. Wir ‚Herren der Schöpfung’ sind nicht die einzigen, welche sich dieses Kleinods rühmen dürfen; wir werden vielmehr in diesem Punkte von manchen Tieren, z. B. vom Stier und vom Hahn noch erheblich übertroffen. Diese aggressive Tendenz macht sich überall geltend, wo einzelne Männer nebeneinander gestellt sind, noch viel mehr aber dann, wenn verhältnismäßig eng geschlossene Gesellschaften miteinander zu tun haben.

Diese geraten miteinander fast unfehlbar in Streitigkeiten, die in Zank und gegenseitigen Mord ausarten, wenn nicht besondere Vorkehrungen getroffen sind, um solche Vorkommnisse zu verhüten. (…) Wo zwei Staatengebilde nebeneinander liegen, die nicht einer übermächtigen Organisation angehören, schafft jene aggressive Tendenz von Zeit zu Zeit in den Gemütern jene ungeheure Spannung, die zu den Kriegskatastrophen führt. Dabei halte ich die sogenannten Ziele und Ursachen der Kriege für ziemlich belanglos; sie finden sich stets, wenn die Leidenschaft ihrer bedarf.

Die feinen Geister aller Zeiten waren sich darüber einig, dass der Krieg zu den ärgsten Feinden der menschlichen Entwicklung gehört, dass alles zu seiner Verhütung getan werden müsse. Ich bin auch trotz der unsagbar traurigen Verhältnisse der Gegenwart der Überzeugung, dass eine staatliche Organisation in Europa, welche europäische Kriege ebenso ausschließen wird wie jetzt das deutsche Reich einen Krieg zwischen Bayern und Württemberg, in nicht allzu ferner Zeit sich erreichen lassen wird. Kein Freund der geistigen Entwicklung sollte es versäumen, für dieses wichtigste politische Ziel der Gegenwart einzustehen.

Es liegt mir ferne, aus meiner internationalen Gesinnung ein Geheimnis zu machen. Wie nahe mir ein Mensch oder eine menschliche Organisation steht, hängt nur davon ab, wie ich deren Wollen und Können beurteile. Der Staat, dem ich als Bürger angehöre, spielt in meinem Gemütsleben nicht die geringste Rolle; ich betrachte die Zugehörigkeit zu einem Staat als eine geschäftliche Angelegenheit, wie etwa die Beziehung zu einer Lebensversicherung.«

So Albert Einstein in dem vom Berliner Goethebund herausgegebenen »vaterländischen Gedenkbuch«, eine Art Poesiealbum, in dem Militärs, Politiker, Dichter, Denker und Wissenschaftler aus Deutschland und Österreich zum Krieg Stellung nahmen. Sein Titel lautete: »Das Land Goethes 1914–1916«.

Auch viel später, 1932, kommt dieser Gedanke in dem berühmten Briefwechsel mit dem Psychoanalytiker Sigmund Freud noch einmal zum Vorschein. Da schreibt Einstein an Freud: »Es gäbe genug Geld, genug Arbeit, genug zu essen, wenn wir die Reichtümer der Welt richtig verteilen würden, statt uns zu Sklaven starrer Wirtschaftsdoktrinen oder -traditionen zu machen. Vor allem aber dürfen wir nicht zulassen, dass unsere Gedanken und Bemühungen von konstruktiver Arbeit abgehalten und für die Vorbereitung eines neuen Krieges missbraucht werden.

Ich bin der gleichen Meinung wie der große Amerikaner Benjamin Franklin, der sagte: es hat niemals einen guten Krieg und niemals einen schlechten Frieden gegeben. Ich bin nicht nur Pazifist, ich bin militanter Pazifist. Ich will für den Frieden kämpfen. Nichts wird Kriege abschaffen, wenn nicht die Menschen selbst den Kriegsdienst verweigern. Um große Ideale wird zunächst von einer aggressiven Minderheit gekämpft. Ist es nicht besser, für eine Sache zu sterben, an die man glaubt, wie an den Frieden, als für eine Sache zu leiden, an die man nicht glaubt, wie an den Krieg? Jeder Krieg fügt ein weiteres Glied an die Kette des Übels, die den Fortschritt der Menschlichkeit verhindert. Doch eine Handvoll Wehrdienstverweigerer kann den allgemeinen Protest gegen den Krieg dramatisieren.

Die Massen sind niemals kriegslüstern, solange sie nicht durch Propaganda vergiftet werden. Wir müssen sie gegen Propaganda immunisieren. Wir müssen unsere Kinder gegen Militarismus impfen, indem wir sie im Geiste des Pazifismus erziehen. Der Jammer mit Europa ist, dass die Völker mit falschen Zielen erzogen worden sind. Unsere Schulbücher verherrlichen den Krieg und unterschlagen seine Gräuel. Sie indoktrinieren die Kinder mit Hass. Ich will lieber Frieden lehren als Hass, lieber Liebe als Krieg.

Die Schulbücher müssen neu geschrieben werden. Statt uralte Konflikte und Vorurteile zu verewigen, soll ein neuer Geist unser Erziehungssystem erfüllen. Unsere Erziehung beginnt in der Wiege: die Mütter der ganzen Welt haben die Verantwortung, ihre Kinder im Sinne der Friedenserhaltung zu erziehen. Es wird nicht möglich sein, die kriegerischen Instinkte in einer einzigen Generation auszurotten. Es wäre nicht einmal wünschenswert, sie gänzlich auszurotten. Die Menschen müssen weiterhin kämpfen, aber nur, wofür zu kämpfen lohnt: und das sind nicht imaginäre Grenzen, Rassenvorurteile oder Bereicherungsgelüste, die sich die Fahne des Patriotismus umhängen. Unsere Waffen seien Waffen des Geistes, nicht Panzer und Geschosse.

Was für eine Welt könnten wir bauen, wenn wir die Kräfte, die ein Krieg entfesselt, für den Aufbau einsetzten. Ein Zehntel der Energien, die die kriegführenden Nationen im Weltkrieg verbraucht, ein Bruchteil des Geldes, das sie mit Handgranaten und Giftgasen verpulvert haben, wäre hinreichend, um den Menschen aller Länder zu einem menschenwürdigen Leben zu verhelfen sowie die Katastrophe der Arbeitslosigkeit in der Welt zu verhindern. Wir müssen uns stellen, für die Sache des Friedens die gleichen Opfer zu bringen, die wir widerstandslos für die Sache des Krieges gebracht haben. Es gibt nichts, das mir wichtiger ist und mir mehr am Herzen liegt. Was ich sonst mache oder sage, kann die Struktur des Universums nicht ändern. Aber vielleicht kann meine Stimme der größten Sache dienen: Eintracht unter den Menschen und Friede auf Erden.«

An bildungsbürgerlichen Vorstellungen einer Veredelung des Menschen durch Kultur war sein Appell gerichtet, weitere Kriege dadurch zu verhindern, dass jede und jeder einzelne in seinem Bereich die Habgier bekämpfen und den Patriotismus durch kulturelle Werte ersetzen solle: »Macht- und Habgier sollen – wie in früheren Zeiten – als verächtliche Laster behandelt werden, ebenso der Hass und die Streitsucht. (...) Jeder Wohlwollende sollte daran arbeiten, dass bei ihm selbst und in seiner persönlichen Umgebung in dieser Beziehung gebessert werde. Dann werden auch die schweren Plagen verschwinden, wie sie uns heute in so furchtbarer Weise heimsuchen. Doch wozu viele Worte, wenn ich alles in einem Satze sagen kann, und noch dazu in einem Satze, der mir als einem Juden wohl ansteht: Ehret Euren Meister Jesus Christus nicht nur mit Worten und Gesängen, sondern vor allem durch Eure Taten.«

1915 trat Einstein dem pazifistischen Bund »Neues Vaterland« bei. In dessen Satzung von 1918 wurde die Entfaltung der Persönlichkeit »auf der Grundlage einer wahrhaft geistigen und moralischen Kultur« als ein Hauptziel festgelegt. Es sollte durch eine sozialistische Republik und eine internationale Friedenspolitik erreicht werden. Dabei lehnte der Bund den Klassenkampf – die sozialen Auseinandersetzungen – ab und betrachtete die politische und ökonomische Strukturveränderung nur als Mittel zum Zweck. Britta Scheideler: »Einsteins nicht-pluralistisches Demokratieverständnis wurde deutlich, als ab 1919 die ökonomische, soziale und politi-sche Krise zu Verteilungskämpfen, Aufständen und einem erneuten Militarismus und Nationalismus führte und damit sein Ideal einer harmonischen Gesellschaft desavouierte. Anstatt vom ‚gesunden Willen des Volkes’ sprach er jetzt vom ‚gemeinen Pöbel’, der ‚durch Massensuggestion’ und ‚dumpfe Leidenschaften’ geleitet werde und durch Schule und Presse zum ‚willenlosen Werkzeug’ von Interessengruppen gemacht werden könne. Als Interessengruppen erscheinen in Einsteins Schriften – und das durchweg negativ – nur die ‚geschäftlichen und politischen Interessenten’, wozu er auch die Regierenden zählte, die in der Regel durch ihre politische Macht korrumpiert seien und die den ‚gesunde(n) Sinn der Völker (...) systematisch korrumpierten’. Ihnen stellt Einstein die ‚Wohlwollenden und Besonnenen’ und ‚geistig und moralisch Hochstehenden’ gegenüber, die zu allgemeinwohlorientiertem Handeln fähig seien.« Britta Scheideler in ihrem Aufsatz über »Albert Einstein in der Weimarer Republik. Demokratisches und elitäres Denken im Widerspruch«.

Deutlich zeigte sich Einsteins grundlegende Skepsis gegenüber dem »gemeinen Volk« bzw. dessen Manipulierbarkeit in seiner Formulierung in einem Brief von 1915, wenn er schreibt: »vox populi, vox Rindvieh«. Von einem solchen Standpunkt aus war es wahrscheinlich nur konsequent, dass Einstein sich nie auf das Feld politischer Parteienauseinandersetzungen begab. Einsteins politisch-moralisches Engagement erstreckte sich vor allem auf Appelle sowie Mitgliedschaften in zahlreichen Vereinigungen, von denen er mit wachsendem Ruhm häufig umworben wurde, den Vorsitz oder einen Platz im Kuratorium einzunehmen. Bei aller Verschiedenheit in den Zielsetzungen, die humanitären, speziell den pazifistischen Anliegen oder der internationalen Verständigung durch kulturellen Austausch galten, war allen Vereinigungen ihre oftmals explizit erklärte über-parteiliche Ausrichtung gemeinsam.

Dementsprechend lehnte Einstein die Mitgliedschaft in allen Vereinigungen ab, die ihm parteipolitisch gebunden erschienen, waren sie nun pro- oder antikommunistisch, um im Dienste und im Interesse seiner Ideale »eine politisch neutrale Position zu behaupten«, wie er das nannte.

Dass Einsteins moralische Sichtweise und Bewertung den komplexen gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen nicht – oder nicht immer – gerecht werden konnte, ist schon von Zeitgenossen angemerkt worden. In der Rückschau von 1955 führte zum Beispiel der Physiker Werner Heisenberg diese moralische Haltung zu politischen Fragen auf Einsteins Verwurzelung im Fortschrittsglauben des 19. Jahrhunderts zurück. Heisenberg: »Er war durch seine Entwicklungsjahre mit dem Fortschrittsglauben des 19. Jahrhunderts verknüpft, und in seinen Aufsätzen spiegelt sich das Bild einer Welt, die (...) immer besser werden konnte, wenn die Menschen bereit waren, sich von ihren früheren Vorurteilen zu lösen und sich auf ihre Vernunft zu verlassen. Einstein war trotz schlimmer Erfahrungen nicht bereit, sich von diesem Wunschbild zu trennen. In der politischen Sphäre äußerte sich diese Haltung in einem fast naiven Glauben an die Möglichkeit, politische Probleme durch den guten Willen allein zu lösen.« Der Orientierung Einsteins auf das moralische Individuum entsprachen seine Vorschläge zur Lösung gesellschaftlicher Probleme. Sie zielten auf die Erziehung und »Veredelung der Menschen« durch geistig-moralische Vorbilder, durch die Kunst und die Beschäftigung mit der Wissenschaft ab. In einem Brief an den sowjetischen Schriftsteller Maxim Gorki schrieb er 1932: »Auf die Dauer wird die Erziehung des Menschen stets mehr das Werk der Künstler als der Politiker sein.« 1944 sprach er sich mehrfach für eine internatonale Organisation aller Intellektuellen aus, die »durch Schule und Publizistik aufklärend auf die öffentliche Meinung einwirken« und die »unmittelbar auf die verantwortlichen Politiker « und die Gesetzgebung Einfluss nehmen sollte. Bis kurz vor seinem Tode setzte er sich im Kampf gegen Atomwaffen und Wettrüsten für eine entsprechende öffentliche Erklärung weniger »Personen, die durch ihre wissenschaftlichen Leistungen internationale Autorität haben«, ein. Politische Bindung einer Person sollte ein Ausschlusskriterium sein. Es ging um moralische Einflussnahme auf politische Fragen, nicht um die Politik selbst. So lehnte er zum Beispiel auch das repräsentative Amt als Staatspräsident Israels im November 1952 mit dem Hinweis darauf ab, dass »die Regierung bzw. das Parlament Dinge beschließen (könnte), die mich in einen Gewissenskonflikt bringen würden; die moralische Verantwortung wird nicht durch die Tatsache aufgehoben, dass man de facto keinen Einfluss auf die Ereignisse hat«. Wie gesagt: Einstein war nie Mitglied einer politischen Partei. Aber er engagierte sich in vielen partei-übergreifenden Bündnissen, Netzwerken und Organisationen. In den Jahren der ersten deutschen Republik sprach er sich in diesem Rahmen für den Völkerbund und für eine Politik der Verständigung aus. Mehrfach nahm er an Großkundgebungen der »Nie-wieder-Krieg!«-Bewegung teil.

Ab 1928 hielt er Kriegsdienstverweigerung für das geeignetste Mittel der Kriegsverhinderung und trat daher bei jeder sich bietenden Gelegenheit für diese Idee ein. Zwei Zitate aus den Jahren 1928 und 1929 mögen das unterstreichen. Zunächst: »Kein Mensch hat das moralische Recht, sich Christ oder Jude zu nennen, wenn er bereit ist, auf Befehl der Obrigkeit planmäßig zu morden (...) oder sich irgendwie missbrauchen zu lassen. (1928) Und: »Ich würde direkten oder unmittelbaren Kriegsdienst unbedingt verweigern und versuchen, meine Freunde zu derselben Haltung zu veranlassen, und zwar unabhängig von der Beurteilung der Kriegsursachen.« (1929) Der deutsch-amerikanische Historiker Fritz Stern, ein Bewunderer Einsteins, bemerkte über sein Engagement in den 1920er Jahren kritisch: »In der auf Revanche versessenen Zeit zwischen Versailles und Hitler wurde er zum Vertreter eines militanten Pazifismus. Er glaubte so sehr an Frieden und Toleranz, dass er die Kräfte, die diesen Hoffnungen im Wege standen, nur teilweise in Rechnung stellte.« Einsteins Wirklichkeit, so Stern, sei »meistens unpolitisch, von moralischem Verlangen geprägt« gewesen. Politik als Kunst des Möglichen habe ihm nicht gelegen. Sein Ideal sei »Politik als Gebot der Vernunft und der Gerechtigkeit« gewesen. In einem Punkt war Einstein allerdings realistischer als die meisten anderen Pazifisten: In der Beurteilung der Frage nämlich, wie die Regierung Hitler zu beurteilen sei und wie die Pazifisten sowie die Garantiemächte des Versailler Friedensvertrages auf diese reagieren sollten. Hier zeigte sich Einstein durchaus als ein politischer Mensch, der die Wirklichkeit genau zu erkennen vermochte und der − wie wir im Rückblick bestätigen können − einen Weg zur Kriegsverhinderung aufzeigte, der zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich der einzig erfolgversprechende gewesen wäre. Einstein erkannte schnell die Kriegsgefahr, die von dem nationalsozialistischen Deutschland für Europa und die Welt ausging. Er zögerte nicht, sich umgehend auf die neue Lage einzustellen und, wie er sich im Juli 1933 selbst ausdrückte, »umzulernen «. Das bedeutete, dass Einstein jetzt einen ziemlich radikalen Positionswechsel vollzog. Er verwarf seinen absoluten Pazifismus, den er zuvor so massiv vertreten hatte, und empfahl den westlichen Regierungen, sich auf einen Angriffskrieg der Deutschen vorzubereiten und sich gegen diese Gefahr durch militärische Aufrüstung zu wappnen. Um die Zivilisation und Europa zu retten, müssten die westlichen Demokratien jetzt bereit und fähig sein, sich militärisch zu verteidigen. Von einer Kriegsdienstverweigerung in den von Hitler-Deutschland bedrohten Ländern riet er unter den geänderten Verhältnissen nun ausdrücklich ab, weil deren Wehrkraft gerade jetzt dringend zur Verteidigung benötigt werde. Wer in Frankreich, Belgien oder England in dieser Lage den Militärdienst verweigere, nütze letztlich nur den potenziellen deutschen Aggressoren. Dieser Positionswechsel, betonte Einstein mehrfach, habe vorübergehenden Charakter, bis zur Beseitigung der Gefahr. Er bleibe prinzipiell Pazifist, aber eben nicht absolut, und nicht um jeden Preis. 9 Dieses »Umlernen« löste bei vielen seiner Anhänger nachhaltige Irritationen aus. Aber er ließ sich auch durch heftige Angriffe nicht beirren und formulierte gegenüber seinen Kritikern: »Solange Deutschland durch materielle Rüstung und Abrichtung der Bürger systematisch den Revanchekrieg vorbereitet, sind die westeuropäischen Länder leider auf militärische Abwehr angewiesen. Ich behaupte sogar, dass sie, wenn sie klug und vorsichtig sind, nicht warten werden, bis sie angegriffen sind. (…) Dies können sie nur, wenn sie hinreichend gerüstet sind. Dies zu sagen macht mir wenig Freude, denn ich hasse in meinem Herzen Gewalt und Militarismus nicht weniger als je zuvor. Ich kann aber meine Augen nicht vor der Wirklichkeit verschließen. Wenn Sie einen anderen Weg wissen, wie die freigebliebenen Länder sich schützen können, so bin ich gerne bereit, von Ihnen zu lernen. Ich weiß aber keinen anderen Ausweg, solange der gegenwärtige bedrohliche Zustand nicht überwunden ist. Wenn es aber andererseits keinen anderen Ausweg gibt, müssen wir so ehrlich sein, es anzuerkennen.« Im September 1933 beklagte Einstein öffentlich die ausbleibenden Reaktionen der Westmächte, also deren sog. Appeasement-Politik: »Ich kann es nicht fassen, warum die ganze zivilisierte Welt sich nicht zum gemeinsamen Kampf zusammengeschlossen hat, um dieser modernen Barbarei ein Ende zu bereiten. Sieht denn die Welt nicht, dass Hitler uns in einen Krieg hineinzerrt?« Mit dieser Position bewegte er sich im gedanklichen Umfeld eines bekannten Vordenkers des deutschen Pazifismus, des Pädagogik-Professors Friedrich Wilhelm Foerster, den Einstein sehr schätzte. Schon weit vor der Machtübernahme der Nazis hatte Foerster 1926 angesichts der geheimen Rüstungsprogramme der Reichswehr eindringlich davor gewarnt, die – wie er sagte – »Tatkraft der Kriegsmenschen« nicht zu unterschätzen. Wer ihnen jetzt mit der Parole »Nie wieder Krieg« begegne, sei, so Foerster, »eine moralische Schlafmütze«. Es war der Pazifist Friedrich Wilhelm Foerster, der dafür warb, es nicht bei abstrakten, letztlich un-politischen Friedensforderungen zu belassen, sondern einen »realistischen Pazifismus« an den Tag zu legen. Allgemeine Abrüstung könne es nicht geben, so Foerster, »bevor nicht dasjenige Land, das bisher der Mittelpunkt des Schwertglaubens war und das heute über die größten industriell-technischen Vorbedingungen der Massenvernichtung menschlichen Lebens verfügt, in wirklich vertrauenswürdiger Weise moralisch abgerüstet « hat. Foersters Schlussfolgerung hieß: »Derjenige, der in einer gegebenen Situation sich weigert, die Waffen abzulegen, kann ein weit ernsterer Pazifist sein als derjenige, der den Wölfen blindlings die Tür öffnet. (…) Es gibt auch eine pazifistische Kriegsschuld, die darin besteht, die Augen vor der Wirklichkeit zu verschließen.« Albert Einstein hat sein »Umlernen« vom Sommer 1933 mit eben diesen Argumenten begründet. Bleibt hinzuzufügen, dass später dann genau das eintrat, was Einstein prophezeit hatte: Der aus seiner Sicht verspätete, aber gleichzeitig doch unvermeidbare Kampf gegen die »moderne Barbarei« Nazi-Deutschlands musste mit einem »schauderhaften Opfer an Menschen und Sachen« bezahlt werden. Und damit ist noch nicht einmal die kontrafaktische Frage beleuchtet, was geschehen wäre, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte. (R. Giordano, Wenn Hitler den Krieg gewinnen hätte)

Für die jüngeren Männer unter den Pazifisten im Exil stellte sich nach Kriegsbeginn zudem die konkrete Frage: Sollten sie am pazifistischen Prinzip der Gewaltlosigkeit festhalten? Oder gebot ein verantwortliches Handeln es eher, ihr Gastland mit der Waffe in der Hand gegen die eigenen Landsleute zu verteidigen? Der nach Frankreich geflohene Pazifist Ernst Friedrich, der 1923 in Berlin das »Erste Internationale Anti-Kriegsmuseum« eingerichtet hatte und der 1924 mit seinem Buch »Krieg dem Kriege!« weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt geworden war, meldete sich zum Beispiel freiwillig zur französischen Fremdenlegion.

Was Albert Einstein von der britisch-französischen Appeasement-Politik der 1930er Jahre hielt, machte er im Kriegsjahr 1941 noch einmal rückblickend deutlich: »Vernünftiger Pazifismus«, schrieb er, »sucht die Kriege durch auf Macht gegründete Ordnung zu verhüten, nicht durch eine rein passive Haltung den Weltproblemen gegenüber. Unvernünftiger, verantwortungsloser Pazifismus hat großenteils Frankreichs Niederlage und die schwierige Situation Englands verschuldet.« Appeasement gehörte für Einstein also unter den gegebenen Bedingungen in den Bereich des unvernünftigen, des verantwortungslosen Pazifismus.

Die Schlüssigkeit der von Albert Einstein im Jahre 1933 erhobenen Forderung an die westeuropäischen Demokratien, prophylaktisch in Deutschland einzugreifen, wurde übrigens Jahre später von Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels bestätigt. In einem Pressegespräch am 5. April 1940 blickte dieser auf die Anfangsjahre des NSRegimes zurück – auf die »Risikozone«, wie er sich ausdrückte –, um dann triumphierend über die Gutgläubigkeit der inneren und äußeren Feinde des Nationalsozialismus zu spotten. Goebbels: »1933 hätte ein französischer Ministerpräsident sagen müssen (und wäre ich französischer Ministerpräsident gewesen, ich hätte es gesagt): der Mann ist Reichskanzler geworden, der das Buch ‚Mein Kampf’ geschrieben hat, in dem das und das steht. Der Mann kann nicht in unserer Nachbarschaft geduldet werden. Entweder er verschwindet oder wir marschieren. Das wäre durchaus logisch gewesen. Man hat darauf verzichtet. Man hat uns gelassen, man hat uns durch die Risikozone ungehindert durchgehen lassen, und wir konnten alle gefährlichen Klippen umschiffen Und als wir fertig waren, gut gerüstet, besser als sie, fingen sie den Krieg an.«

Bis auf den letzten Satz − die anderen hätten den Krieg angefangen − lag Goebbels mit dieser Beurteilung wohl durchaus richtig.

Am 2. August 1939 unterzeichnete Einstein seinen − erst nach dem Zweiten Weltkrieg berühmt gewordenen − Brief an den US-amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt. Er machte ihn darauf aufmerksam, dass Deutschland möglicherweise die Kernspaltung für militärische Zwecke entwickle und dass in absehbarer Zeit »neuartige Bomben von höchster Detonationsgewalt hergestellt werden« könnten. Einstein forderte Roosevelt auf, in den USA geeignete Gegenmaßnahmen in die Wege zu leiten. Damit wurde ein Prozess in Gang gesetzt, an dessen Ende der Einsatz von Atombomben auf die beiden japanischen Großstädte Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945 stand. Deutschland hatte schon zu einem früheren Zeitpunkt kapituliert, zu einem Zeitpunkt, als den US-Amerikanern diese Waffe noch gar nicht zur Verfügung stand. Ob die Abwürfe der neuen Massenvernichtungswaffen auf japanische Städte tatsächlich erforderlich waren, um das Land zur Kapitulation zu zwingen – wie immer wieder die offizielle Begründung hieß – ist mindestens umstritten. 11 Auch andere Faktoren trugen höchstwahrscheinlich zur Einsatz-Entscheidung bei, etwa die Absicht von US-Politikern und -Militärs, US-amerikanische Dominanz weltweit zu zeigen, insbesondere im Zuge des jetzt beginnenden »Kalten Krieges« gegenüber der Sowjetunion. (B. Greiner/ K. Steinhaus: Auf dem Weg zum 3. Weltkrieg? US-amerikanische Kriegspläne gegen die UdSSR. Eine Dokumentation)

Einstein selbst war weder an der Entwicklung der Waffe noch an der Entscheidung zu ihrem Einsatz persönlich beteiligt. Aber er hatte mit seinem Brief an Roosevelt einen wichtigen Anstoß dazu gegeben. Als der Brief im Jahr 1945 veröffentlicht wurde, erläuterte Einstein sein Motiv: » … dass mich nur die große Gefahr des Baus einer Atombombe in Deutschland zu meiner Intervention bei dem Präsidenten bewogen hat«. Allerdings interessierten sich die US-amerikanischen Politiker, Militärs und Wissenschaftler, die später die Entscheidung für den Einsatz der Bombe gegen Japan trafen, nicht für den möglichen Einwand Einsteins, sie sei eigentlich nur zur Abschreckung Nazi-Deutschlands gedacht gewesen.

Nach dem Krieg bekannte Einstein, es sei »ein Fehler« gewesen, den Brief an Roosevelt geschrieben zu haben. Wahrscheinlich waren es drei Gründe, die ihn zu dieser Position brachten: •

Zum einen waren die deutschen Atomforscher längst noch nicht so weit vorangekommen, wie man es in den USA 1939 befürchtet hatte; •

zum zweiten hatte sich die Annahme als kurzsichtig erwiesen, die Atomwaffe würde seitens der Politik nur zur Abschreckung lediglich eines einzigen, ganz bestimmten Landes benutzt und nicht auch gegen andere Gegner eingesetzt; •

drittens schließlich dürfte die moralische Dimension der »Bombe« auch Einstein erst später in vollem Umfang klar geworden sein. Aber wie auch immer: Das Atomzeitalter war geboren und die politischen Akteure kümmerten sich nicht mehr um seine Entstehungsgeschichte.

Als Einstein seinen Brief an Roosevelt schrieb, war das alles für ihn noch nicht absehbar. In Einsteins Begriffen stellte das NS-Deutschland eine elementare Bedrohung Europas und der gesamten Zivilisation dar. Vor diesem Hintergrund fügte sich sein Brief an Roosevelt nahtlos in die längst eingeschlagene Richtung seines »Umdenkens « ein. Während der Dauer des Zweiten Weltkriegs bekräftigte er – der seit Oktober 1940 nun auch offiziell US-amerikanischer Staatsbürger geworden war – diese Linie immer wieder. Und auch nach dem Ende des Krieges und nach Hiroshima ließ Einstein keinen Zweifel an der Berechtigung dieser Haltung: »Wir haben den Bau dieser neuen Waffe gefördert, um die Feinde der Menschheit daran zu hindern, dass sie uns zuvorkämen; bedenkt man die Mentalität der Nazis, dann kann man sich die unbeschreibliche Zerstörung und die Versklavung der Welt vorstellen, die die Folge ihrer Priorität im Bau der Bombe gewesen wären. Diese Waffe wurde dem amerikanischen und dem britischen Volk als Treuhändern der ganzen Menschheit, als Kämpfern für Frieden und Freiheit übergeben.«

Einige der Wissenschaftler, die am Bau der ersten Atombomben beteiligt waren − unter ihnen der Einstein-Vertraute Leo Szilard −, wurden bereits vor deren Einsatz gegen die beiden japanischen Städte von heftigen Zweifeln befallen. Sie glaubten, dass die Zündung einer Bombe zu Demonstrationszwecken in einer Wüste oder auf See, zum Beispiel vor der japanischen Küste, schon ausgereicht hätte, um die gewünschte Wirkung zu erreichen. Einstein, der von Hiroshima und Nagasaki überrascht worden war, erkannte jetzt die Gefahr, dass die Menschheit einer atomaren Katastrophe entgegengehen könnte. In den letzten zehn Jahren seines Lebens beschäftigte ihn daher keine politische Frage mehr als die, wie dieser Gefahr entgegengewirkt werden könnte. Jetzt stand für ihn nicht mehr die Kriegsdienstverweigerung im Vordergrund, sondern der Kampf um die Verhütung einer atomaren Weltkatastrophe.

Nach seinen Vorstellungen sollten die Weltmächte USA, Großbritannien und Sowjetunion eine Weltregierung bilden und dieser Weltregierung – wie er schrieb – »ihre gesamten militärischen Machtmittel zur Verfügung stellen«. Das heißt: Dieser »übernationalen politischen Macht« sollte der »Schutz gegen neue Angriffskriege« als Hauptaufgabe übertragen werden. Der Weltregierung wollte Einstein auch »das Geheimnis der Bombe« anvertrauen, also das Wissen über die Herstellung von Atombomben, womit er eine frühe Form der Non-Proliferations-Idee entwickelte. In diesem Zusammenhang beschwor Einstein die Weltmächte, eine »Atmosphäre des Vertrauens« zu schaffen, »ohne die kein Werk des Friedens gelingen« könne. Von bleibendem Interesse ist Einsteins Befürwortung des Rechts der Weltregierung zur gewaltsamen Intervention bei schweren Menschenrechtsverletzungen. Er sagte: »Die Konzeption der ‚Nichteinmischung’ muss verschwinden. Denn gerade die Einmischung ist unter gewissen Umständen zur Sicherung des Friedens notwendig.«

Was wenig bekannt ist: Schon die Pazifistin Bertha von Suttner, Friedensnobelpreisträgerin des Jahres 1905, nahm eine ähnliche Haltung zum Problem der Nichteinmischung in die Angelegenheiten fremder Staaten ein. Bereits im Jahr 1904 stellte sie öffentlich klar: »Bewaffnete Menschen, die zum Schutz einschreiten, sind nicht Kriegführer, sondern rettende Polizei. (…) Wo Verfolgte, Tyrannisierte, Verhungernde ihren Klageschrei erheben, dort eile man hin und interveniere, denn nicht innere Angelegenheit, sondern Menschenangelegenheit ist's.«

1955, am Ende eines langen Lebens, unterzeichnete Einstein zusammen mit seinem pazifistischen Mitstreiter Bertrand Russell ein Friedensmanifest, das bis heute mit ihrer beider Namen verbunden ist. Sie machten deutlich, »dass ein Wasserstoffbombenkrieg das Ende der menschlichen Rasse bedeuten könnte«, und leiteten daraus den Schluss ab, dass es heute um »die Abschaffung des Krieges« als einer Institution gehen müsse. Einstein und Russel forderten die Regierungen der Welt auf, »zu erkennen und öffentlich zu bekennen, dass ihre Ziele nicht durch einen Weltkrieg erreicht werden können«. Die Regierungen wurden ersucht, »friedliche Mittel der Lösung für alle zwischen ihnen bestehenden Konflikte ausfindig zu machen«.

Einsteins bleibende Botschaft lautete – und lautet – also, den Krieg als Institution abzuschaffen und die vorhandenen Konflikte gewaltfrei zu lösen.

Schließen möchte ich diesen kleinen Beitrag zu Einsteins Pazifismus mit einer – wie ich finde – sehr schönen Charakterisierung des Wissenschaftshistorikers Siegfried Grundmann, der in einem Aufsatz »Albert Einstein – ein Utopist?« schreibt: »Keine Frage: Einstein war ein oftmals einsamer Mensch. Voller Fragen und Zweifel, immer auf der Suche nach dem richtigen Weg, nicht frei von politischen Schwankungen. (…)

Er hat viele Enttäuschungen und viele Niederlagen erlebt; die größte: der Machtantritt der Nazis. Unsinn aber ist die Behauptung, wie sie in einem Einstein-Buch des Physikers Hubert Goenner aufgestellt wurde, dass Einstein sich stets so verhalten habe‚ dass er aus einer für die eigene Person ungefährlichen Position heraus argumentieren konnte.

Bei aller gebotenen Zurückhaltung: Wer von den Naturwissenschaftlern Deutschlands hat sich jemals politisch so offen positioniert wie Einstein? Wer war bereit, als ‚Vaterlandsverräter’, ‚Franzosenknecht’ und ‚Russenfreund’ beschimpft zu werden? Wer war in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg derart physisch bedroht, dass er Vorlesungen abbrechen und zeitweise ins Ausland gehen musste? Wo ist der Unterschied zwischen dem ‚Soldaten sind Mörder’ des Kurt Tucholsky und Einsteins nicht weniger öffentlich geäußerten Meinung, Krieg sei ‚gemeiner Mord’, das Militär sei ein ‚Schandfleck der Zivilisation’? Nein, feige war Einstein wahrlich nicht. Sicher: Einem Einstein war manches erlaubt, wofür andere büßen mussten. Soll ihm dies zum Vorwurf gereichen?

Einsteins Waffen? Die Waffen eines Intellektuellen: die Macht des Wortes, des Glaubens, der Überzeugung – sonst nichts. Ein Utopist. Aber Utopisten wie diesen Einstein braucht die Welt.«

Ich glaube, dem ist nichts hinzuzufügen.